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Drei Millionen Euro erhält der Zentralrat der Juden in Deutschland
jährlich aus dem Bundeshaushalt zur "Pflege des deutsch-jüdischen
Kulturerbes" und zum "Aufbau einer jüdischen Gemeinschaft".
Davon sollen nach dem Willen aller Parteien im Bundestag auch die
Gemeinden der liberalen "Union Progressiver Juden" profitieren.
Das ist leicht gefordert, doch schwer durchzusetzen. Sie sind nämlich
dem Zentralrat nicht angeschlossen. Bislang gehören nur "Einheitsgemeinden"
dazu. Diese sollen die Juden am Ort organisieren, gleich welcher
religiösen Strömung sie sich verbunden fühlen.
Praktisch erlauben sie in Deutschland nur die orthodoxe Variante
- auch in Köln, wo die Synagogen-Gemeinde 5000 Mitglieder zählt.
Im Gottesdienst sitzen Frauen abgesondert von den Männern auf
der Empore; nicht-jüdische Partner sind im Gemeindeleben nicht
erwünscht; Kinder eines jüdischen Vaters, aber einer nichtjüdischen
Mutter gelten eher als peinlich. Orthodoxe verlangen, die Texte
der jüdischen Überlieferung wörtlich zu befolgen.
Nicht-orthodoxe Juden repräsentieren sie damit freilich nicht.
Mit rund 1,9 Millionen Mitgliedern vertritt das "progressive
Judentum" weltweit die größte Zahl der religiösen
Juden. Diese Bewegung hatte in Deutschland ihre Anfänge und
bis 1938 auch ihr geistiges Zentrum. Sie setzt nicht so sehr auf
den Wortlaut alter Bibel- und Gelehrtentexte, sondern auf den Geist
ihrer Botschaften sowie auf den menschlichen Verstand.
Da Initiativen der Liberalen in den Einheitsgemeinden rigide unterbunden
wurden, gründeten sie außerhalb der traditionellen Strukturen
eigene Gemeinden. In Köln etwa blieb ihnen die Synagoge in
der Roonstraße verschlossen, und so fand die kleine liberale
Gemeinschaft "Gescher Lamassoret" (Brücke zur Tradition)
Herberge in einem Kirchenkeller. Orthodoxen Juden gelten die Reformer
als Häretiker. Das erklärt, warum der Konflikt um die
Gelder aus dem Staatsvertrag so erbittert geführt wird.
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Denn wer sie bekommt, kann auch Deutschkurse, Sozialprogramme und
den Religionsunterricht finanzieren. Das ist gerade mit Blick auf
die vielen areligiös aufgewachsenen und mittellosen jüdischen
Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion wichtig. Alle wissen,
dass nur wenige von ihnen für die orthodoxe Lehre zu erwärmen
sind.
Das publizistische Dauerfeuer, das die Liberalen zuletzt entfacht
haben, hat im Zentralrat die Einsicht wachsen lassen, dass es Zeit
wird, die Gemeinden der "Union Progressiver Juden" zu
integrieren. Sie sollen sich künftig unter dem Dach der Einheitsgemeinden
autonom entwickeln können, ohne unmittelbar durch den neuen
Staatsvertrag begünstigt zu werden. Selbst in Köln sind
nach Jahren der Funkstille vorige Woche erste informelle Gespräche
zwischen Synagogengemeinde und Liberalen in Gang gekommen.
Die Progressiven drängen zur Entscheidung und drohen damit,
vor das Verfassungsgericht zu ziehen und mit dem Staatsvertrag auch
das ganze Einheitsgemeinde-System anzuprangern. Das aber möchte
der Zentralrat auf jeden Fall vermeiden: eine Zersplitterung der
streitlustigen jüdischen Gemeinschaft.
HEINZ-PETER KATLEWSKI
Der Autor ist Verfasser des Buches "Judentum im Aufbruch",
Jüdische Verlagsanstalt Berlin.
Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger, 27.4.2004 (HINTERGRUND)
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