Jüdische Liberale Gemeinde Köln
Gescher LaMassoret e.V.
 

Ein Zimmer für sich allein
Liberale jüdische Gemeinden in NRW

"K.West" - Das Feuilleton für NRW (September 2004)
Text: Martin Kuhna


Dass es in Nordrhein-Westfalen bei 19 Einheitsgemeinden nur eine liberale Gemeinde und dazu den "Etz Ami"-Verein gibt, führt Mühlstein auf den relativ geringen "Leidensdruck" zurück, den liberale Juden in vielen NRW-Gemeinden empfänden: "Nehmen Sie Gemeinden wie Bielefeld oder Wuppertal - so orthodox sind die gar nicht." Vor allem aber habe der westfälische Landesrabbiner Henry Brandt den Liberalen immer wieder Freiräume geschla-gen. Der 77jährige Brandt war fast zehn Jahre lang Landesrabbiner für Westfalen, wirkte aber mit seiner Autorität darüber hinaus, zumal es im Rhenischen seit Jahren keinen Landesrabbi-ner gibt. Brandt ist liberal, hat aber stets auf Verständigung zwischen den Strömungen hinge-wirkt. So hat er auch "Etz Ami" im Ruhrgebiet als Variante im Rahmen der Einheitsgemeinden mit Wärme unterstützt. Vor kurzem hat Henry Brandt sein Amt aufgegeben und ist als Gemeinderabbiner nach Augsburg gegangen.

Ob das Amt eines Landesrabbiners in Westfalen in gewohnter Form weitergeführt wird, ist noch offen. Jan Mühlstein glaubt, dass Brandt nur schwer zu ersetzen sei. Und: "Dem Judentum ist das Amt des Landesrabbiners eigentlich unbekannt. In Deutschland war es nur sinn-voll, weil die kleinen Gemeinden keine eigenen Rabbiner hatten." Jetzt aber gebe es wieder viele Rabbiner, von den Gemeinden in eigener Verantwortung angestellt: "Da ist nicht mehr ganz klar, welche Funktion ein Landesrabbiner haben soll." In Bayern etwa gebe es längst keinen mehr. Auch die fortschreitende Ausdifferenzierung nach orthodoxen und nicht-orthodoxen Richtungen mache die Institution fragwürdig. Umgekehrt, so Mühlstein, werde der Weggang Henry Brandts ebenso wie die Annäherung zwischen Union und Zentralrat vermutlich dazu führen, dass sich diese Ausdifferenzierung auch in NRW verstärkt.

Seltsamerweise spielen die russischen Immigranten noch kaum eine Rolle bei diesem Prozess, den sie indirekt angestoßen haben: "Wir haben nur ganze wenige Russen", sagt Michael Lawton; die Immigranten kämen nun mal automatisch zuerst zur Einheitsgemeinde, die auch mehr Möglichkeiten der sozialen Betreuung biete. Trotzdem wünscht Lawton, dass mehr Russen den Weg zu seiner Gruppe fänden. Doch das sei schon deshalb schwierig, weil die Leitung der Einheitsgemeinde nicht zugebe, dass es in Köln so etwas wie eine liberale jüdische Gemeinde gibt.

 


Jan Mühlstein zeigt sich zuversichtlich, dass der Richtungsstreit künftig mit weniger Bitterkeit ausgetragen wird. Langfristig wünscht er sich die Trennung von Gemeinde und Synago-ge: "Die Gemeinde eines Ortes bleibt Einheitsgemeinde und hat übergreifende Funktionen; innerhalb dieser Gemeinde kann es verschiedene Synagogen geben mit eigener Liturgie und eigenem Rabbiner." So war es früher in Deutschland, auch in Köln. Damals waren es die Orthodoxen, die dort 1906 eine Austrittsgemeinde gründeten.

Dass der Streit um orthodox und liberal in den Medien so große Beachtung gefunden hat, verwundert die Juden ein wenig: "Schließlich geht es ja nur um sehr wenige Menschen", sagt Chajm Guski. Sie halten das Interesse aber für legitim. Guski findet es auch positiv, dass die neue Pluralität im Judentum wahrgenommen wird, dass nicht mehr allein die Orthodoxie das Bild bestimmt. Hat das Interesse am Konflikt um Fördergelder auch mit Stereotypen vom geldgierigen, ewig streitenden Juden zu tun? Mühlstein empfindet das nicht so. Im Übrigen, sagt er, berge ja manches Stereotyp ein Stück Wahrheit: "Es stimmt, wir streiten gern, das ist jüdische Tradition, gerade in religiösen Fragen. Und wir haben nicht unbedingt das Bedürfnis, jeden Streit aufzulösen." Da können die nichtjüdischen Deutschen mit ihrer Sehnsucht nach konfliktfreien Allparteienkoalitionen womöglich was lernen.

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