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Dass es in Nordrhein-Westfalen bei 19 Einheitsgemeinden nur eine
liberale Gemeinde und dazu den "Etz Ami"-Verein gibt,
führt Mühlstein auf den relativ geringen "Leidensdruck"
zurück, den liberale Juden in vielen NRW-Gemeinden empfänden:
"Nehmen Sie Gemeinden wie Bielefeld oder Wuppertal - so orthodox
sind die gar nicht." Vor allem aber habe der westfälische
Landesrabbiner Henry Brandt den Liberalen immer wieder Freiräume
geschla-gen. Der 77jährige Brandt war fast zehn Jahre lang
Landesrabbiner für Westfalen, wirkte aber mit seiner Autorität
darüber hinaus, zumal es im Rhenischen seit Jahren keinen Landesrabbi-ner
gibt. Brandt ist liberal, hat aber stets auf Verständigung
zwischen den Strömungen hinge-wirkt. So hat er auch "Etz
Ami" im Ruhrgebiet als Variante im Rahmen der Einheitsgemeinden
mit Wärme unterstützt. Vor kurzem hat Henry Brandt sein
Amt aufgegeben und ist als Gemeinderabbiner nach Augsburg gegangen.
Ob das Amt eines Landesrabbiners in Westfalen in gewohnter Form
weitergeführt wird, ist noch offen. Jan Mühlstein glaubt,
dass Brandt nur schwer zu ersetzen sei. Und: "Dem Judentum
ist das Amt des Landesrabbiners eigentlich unbekannt. In Deutschland
war es nur sinn-voll, weil die kleinen Gemeinden keine eigenen Rabbiner
hatten." Jetzt aber gebe es wieder viele Rabbiner, von den
Gemeinden in eigener Verantwortung angestellt: "Da ist nicht
mehr ganz klar, welche Funktion ein Landesrabbiner haben soll."
In Bayern etwa gebe es längst keinen mehr. Auch die fortschreitende
Ausdifferenzierung nach orthodoxen und nicht-orthodoxen Richtungen
mache die Institution fragwürdig. Umgekehrt, so Mühlstein,
werde der Weggang Henry Brandts ebenso wie die Annäherung zwischen
Union und Zentralrat vermutlich dazu führen, dass sich diese
Ausdifferenzierung auch in NRW verstärkt.
Seltsamerweise spielen die russischen Immigranten noch kaum eine
Rolle bei diesem Prozess, den sie indirekt angestoßen haben:
"Wir haben nur ganze wenige Russen", sagt Michael Lawton;
die Immigranten kämen nun mal automatisch zuerst zur Einheitsgemeinde,
die auch mehr Möglichkeiten der sozialen Betreuung biete. Trotzdem
wünscht Lawton, dass mehr Russen den Weg zu seiner Gruppe fänden.
Doch das sei schon deshalb schwierig, weil die Leitung der Einheitsgemeinde
nicht zugebe, dass es in Köln so etwas wie eine liberale jüdische
Gemeinde gibt.
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Jan Mühlstein zeigt sich zuversichtlich, dass der Richtungsstreit
künftig mit weniger Bitterkeit ausgetragen wird. Langfristig
wünscht er sich die Trennung von Gemeinde und Synago-ge: "Die
Gemeinde eines Ortes bleibt Einheitsgemeinde und hat übergreifende
Funktionen; innerhalb dieser Gemeinde kann es verschiedene Synagogen
geben mit eigener Liturgie und eigenem Rabbiner." So war es
früher in Deutschland, auch in Köln. Damals waren es die
Orthodoxen, die dort 1906 eine Austrittsgemeinde gründeten.
Dass der Streit um orthodox und liberal in den Medien so große
Beachtung gefunden hat, verwundert die Juden ein wenig: "Schließlich
geht es ja nur um sehr wenige Menschen", sagt Chajm Guski.
Sie halten das Interesse aber für legitim. Guski findet es
auch positiv, dass die neue Pluralität im Judentum wahrgenommen
wird, dass nicht mehr allein die Orthodoxie das Bild bestimmt. Hat
das Interesse am Konflikt um Fördergelder auch mit Stereotypen
vom geldgierigen, ewig streitenden Juden zu tun? Mühlstein
empfindet das nicht so. Im Übrigen, sagt er, berge ja manches
Stereotyp ein Stück Wahrheit: "Es stimmt, wir streiten
gern, das ist jüdische Tradition, gerade in religiösen
Fragen. Und wir haben nicht unbedingt das Bedürfnis, jeden
Streit aufzulösen." Da können die nichtjüdischen
Deutschen mit ihrer Sehnsucht nach konfliktfreien Allparteienkoalitionen
womöglich was lernen.
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