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Es ging weniger darum, was man glauben sollte, sondern wie ein Jude
sich verhalten sollte, und wie die Gottesdienste aussehen sollten:
Ist die Torah göttliche Offenbarung, Wort für Wort und
unveränderbar - oder ist sie offen für eine "progressive",
fortschreitende Auslegung?
In Deutschland entwickelte sich eine jüdische Reformbewegung,
die sich zum Teil weit von der Tradition entfernte. Als Reaktion
darauf entstand eine orthodoxe Richtung, die mehr oder minder genau
auf der Einhaltung aller überlieferten Gesetze beharrte. Zwischen
den beiden etablierte sich eine Variante, die verwirrenderweise
meist konservativ genannt wurde. Die Grenzen waren fließend;
in der Regel blieben die verschiedenen Richtungen im Rahmen der
örtlichen Einheitsgemeinde, aber mit eigenen Synagogen - so
auch in Köln.
Deutschland wurde zum Zentrum des modernen Judentums; die Mehrheit
der deutschen Juden gehörte einer nicht-orthodoxen Richtung
an. Bis der nazistische Massenmord jeder jüdischen Tradition
in Deutschland ein Ende machte. Als sich nach dem Krieg die ersten,
winzigen jüdischen Gemeinden zusammenfanden, war das kein Wiederbeginn,
sondern ein Neuanfang. Die Gruppen bildeten sich vor allem aus "displaced
persons", osteuropäischen Juden, die in Deutschland gestrandet
waren - ausgerechnet. Sie waren mehrheitlich orthodox geprägt,
und das spiegelte sich in den neuen Einheitsgemeinden. Wie früher
boten die traditionellen Regeln Heimat in einer fremden Welt. Und
nicht einmal jene, die der Orthodoxie nicht zuneigten, hätten
die kleinen Gemeinden nach religiösen Unterschieden zersplittern
wollen.
Am Ende der 50er Jahre hatten sich die Gemeinden immerhin stabilisiert.
In vielen Städten bezogen sie neue, kleine Synagogen. In Köln
war es das alte Bethaus in der Roonstraße, das von 1959 an
wieder genutzt wurde - ausgerechnet die frühere Synagoge der
liberalen Kölner Juden. Doch diese liberale Tradition blieb
abgeschnitten - für immer, wie es schien, denn die ohnehin
kleinen Gemeinden schrumpften weiter, und es war selbst dann schwierig
genug, ein Gemeindeleben zu organisieren, wenn sich alle Mitglieder
zusammentaten. Bis vor 15 Jahren die jüdischen Einwanderer
aus der zerfallenden Sowjetunion kamen. Unversehens wurden die Alteingesessenen
zur Minderheit. Die neuen "Ostjuden" aber waren in der
Regel nicht ortho-dox. Eher rechneten sie sich den Liberalen oder
Konservativen zu; die meisten waren religiös indifferent oder
unwissend. In dieser Situation begann die Suche der deutschen jüdischen
Gemeinden nach einer neuen Identität. Die Orthodoxie bekam
wieder Konkurrenz von anderen Strömungen.
Die religiösen Impulse kamen aus Amerika, wo die deutsche
Tradition des nicht-orthodoxen Judentums sich weiterentwickelt hatte
und die Mehrheit der Juden zu solchen Richtungen neigt. In München
waren es amerikanische Juden, die die liberale Gemeinde "Beth
Shalom" gründeten. In Köln wunderte sich der Brite
Michael Lawton über die Dominanz der Orthodo-xen, als er 1987
nach Deutschland kam. Nicht, dass in Deutschland ultra-orthodoxe
Strömun-gen oder religiöse Eiferer eine Rolle spielten
- aber Gottesdienste, wie Lawton sie aus Lon-don kannte, gab es
nicht: mit einer mäßig modernisierten Liturgie, mit Gebeten
auch in der Landessprache - und mit Frauen als gleichberechtigten
Teilnehmern, die nicht abseits sitzen.
Auch Claudio May war an solche Gottesdienste gewöhnt. Er
stammt aus Argentinien, lebt aber seit 20 Jahren in Deutschland.
Seine Eltern waren aus Berlin und Münster vor den Nazis geflohen
und hatten sich in Argentinien einer Gemeinde angeschlossen, die
die vertraute, libe-rale Tradition deutsch-jüdischer Prägung
pflegte.
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Doch als Claudio May in das Land seiner Eltern kam, fand er davon
nichts wieder: "Der orthodoxe Ritus in meiner Bonner Gemeinde
ist für mich fremd", sagt May. Er praktizierte seinen
Glauben nur noch zu Hause. Bis er jetzt endlich von der liberalen
Gemeinde in Köln hörte. An diesem Abend ist er zum ersten
Mal dabei. Er ist sicher, dass er wiederkommen wird.
In der Kölner Einheitsgemeinde hatte Michael Lawton keinen
Platz für einen liberalen Got-tesdienst gefunden, und so ist
es bis heute geblieben. 1996 gründete er mit anderen Interessen-ten
die eigene Gemeinde: "Gescher La Massoret", Mitglied der
"Union Progressiver Juden in Deutschland". Sie traf sich
an verschiedenen Orten zum Gottesdienst, bis sie vor drei Jahren
im Keller der Kreuzkapelle Riehl ihre Synagoge einrichtete. Gerade
in der Kreuzkapelle hielt die evangelische Kirche während der
NS-Zeit "Abschlussgottesdienste" für getaufte Juden,
die deportiert werden sollten. Heute blicken Kirchenfunktionäre
ratlos auf die seltsame Praxis, die Juden "mit einem Gottesdienst
in die Hölle" zu schicken, als gebe man seinen Segen dazu.
Nun feiern an eben diesem Ort religiöse Juden ihren eigenen
Gottesdienst.
Dass "Gescher La Massoret" bei einer christlichen Gemeinde
Unterkunft nimmt, sieht Michael Lawton nicht als Problem, "es
könnte aber auch eine andere Organisation sein. Und natürlich
wäre es viel schöner, wenn wir eigene Räume hätten."
Obendrein ist der Keller unter der Kreuzkapelle feucht, und das
tut der pergamentenen Torah-Rolle überhaupt nicht gut. Doch
die Gemeinde mit ihren 80 Mitgliedern finanziert sich ausschließlich
durch Spenden, da bleibt nicht genug für ein eigenes Domizil.
Einen anderen Weg aus der Orthodoxie ging die "Jüdische
Liberale Vereinigung Etz Ami" um den Gelsenkirchener Studenten
Chajm Guski. Auch diese kleine Gruppe wünschte sich nicht-orthodoxe
Gottesdienste und suchte dafür Verbündete im Ruhrgebiet.
Dabei stand als Motiv die Gleichberechtigung von Männern und
Frauen klar im Vordergrund, deshalb nannte sich die Gruppe zunächst
"egalitärer Minjan". Minjan - das sind die zehn erwachsenen
Juden, die es für einen Gottesdienst braucht. Nach orthodoxem
Brauch zählen Frauen dabei nicht. Auch die Gelsenkirchener
Gemeinde mochte den Egalitären keinen Platz bieten. Mit Glück
fand die Gruppe eine alte Landsynagoge im Dörfchen Bork, am
nördlichen Rand des Ruhrge-biets. Das Haus war, natürlich,
seit 1938 nicht mehr Synagoge gewesen, aber die Stadt Selm, zu der
Bork jetzt gehört, hatte das Gebäude renovieren und zum
Veranstaltungssaal herrichten lassen. Seit vier Jahren wird es nun
auch wieder als Synagoge genutzt.
Einmal im Monat versammeln sich Juden zum Schabbat dort. Während
ihre Heimatgemein-den sich in teils hochmodernen Synagogen zu orthodoxen
Gottesdiensten treffen, sitzen die Modernisierer in einem kleinen,
über 200 Jahre alten Häuschen, wo eine hölzerne Frauen-Empore
daran erinnert, was Chajm Guski, Vorbeterin Mirjam Lübke und
die anderen ent-schieden hinter sich lassen wollen: die Trennung
der Geschlechter. Obwohl "Etz Ami" sich kürzlich
ebenfalls offiziell als "e.V." etabliert hat, wollen sie
ausdrücklich keine eigene Ge-meinde bilden. Sie halten auch
ein wenig Distanz zur Union Progressiver Juden - unter ande-rem,
weil diese ihren Streit mit dem Zentralrat der deutschen Juden zu
sehr zugespitzt habe: "Wir fragen uns: Musste das sein?",
sagt Guski.
Immerhin scheint dieser Streit jetzt entschärft: "Der
Zentralrat und die Union sind mit Riesen-schritten aufeinander zugegangen",
sagt Unions-Vorsitzender Jan Mühlstein. Der Weg zur Integration
der deutschlandweit 13 liberalen Gemeinden in den Zentralrat sei
offen. Der Zent-ralrat habe auch zugesagt, die lokalen Einheitsgemeinden
zum konstruktiven Dialog zu er-muntern, soweit das nötig scheint.
Es hänge, so Mühlstein, sehr von der Konstellation in
den jeweiligen Gemeinden ab, ob der Konflikt dort zur Konfrontation
werde oder nicht.
>> Teil
3
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