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Im Kölner Stadtteil Riehl, nicht weit vom Zoo, steht ein merkwürdiges
Gebäude. Man könnte es für ein normales bürgerliches
Wohnhaus aus der Zeit um 1900 halten, stünde nicht ein übermannshohes
Kreuz davor. Tatsächlich verbirgt sich hier die "Kreuzkapelle"
der evangelischen Kirchengemeinde Riehl. Auf der linken Seite des
Hauses findet sich eine unauffällige Glastür. An Freitagabenden
und samstags morgens sieht man Menschen am Kreuz vorbei auf diese
Tür zugehen und nach und nach darin verschwinden, zwei, drei
Dutzend, manchmal auch mehr. Ein aufmerksamer Beobachter wird registrieren,
dass stets zur gleichen Zeit ein Polizeiauto gegenüber der
Kreuzkapelle parkt. Es ist nicht der Töpferkreis, der sich
hinter der Glastür versammelt.
Von der Tür führt eine Treppe ins Souterrain. Dort treten
die Besucher in einen Raum mit zwei länglichen, gedeckten Tischen.
Es riecht appetitanregend aus einer kleinen Küche, deren Tür
offen steht. Wenn ein neuer Besucher hereinkommt, wird er herzlich
begrüßt: "Schabbat Schalom!" Links, hinter
einem Paravant, weitet sich der Raum zum einzigen Fenster hin. Dort
stehen drei Reihen Stühle im Halbkreis und eine Art Pult: die
Synagoge der Kölner jüdischen Gemeinde "Gescher LaMassoret"
("Brücke zur Tradition"). Michael Lawton, Vorsitzender
und Vorbeter, legt sich den Gebetsschal um: "Können wir
anfangen?"
Mit kräftiger, geschulter Stimme leitet Lawton seine Gemeinde
durch Gesänge, Gebete und Lesungen in hebräischer und
deutscher Sprache. Die Männer und Frauen sind ernsthaft bei
der Sache, auch beim Singen. Niemand bewegt die Lippen nur zum Schein.
Die traditionellen jüdischen Melodien schallen durch die offene
Gartentür über die Hinterhöfe der Vorstadt. Als der
Gottesdienst vorbei ist, stehen alle auf, schütteln Hände
oder umarmen einander: "Schabbat Schalom!" Dass Frauen
und Männer nebeneinander gesessen haben und gleichermaßen
beteiligt waren, wirkt selbstverständlich; es wäre aber
in einer typischen, orthodox geprägten deutschen Einheitsgemeinde
ausgeschlossen. Dies ist eine liberale Gemeinde.
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Nun gehen sie hinüber zu den gedeckten Tischen, zum Kiddusch:
Schabbat-Segen und gemeinsames Essen. Es gibt den traditionellen
Mohn-Hefezopf und verschiedene Salate. Deshalb hat es zuvor so vielversprechend
aus der Küche gerochen. Auch zum Kiddusch singen sie wieder.
Michael Lawton sagt einige Worte auf deutsch zum aktuellen Wochenabschnitt
der Torah. Dann wird gegessen. In der Unterhaltung mischen sich
rheinische, russische und englische Töne; die Atmosphäre
ist intim, familiär. Nach und nach verabschieden sich die Besucher.
Nach etwa zwei Stunden hat der letzte die Glastür zur Straße
hinter sich geschlossen. Das Polizeiauto ist verschwunden.
Die Szene ist charakteristisch für die Situation des Judentums
in Deutschland. Die einst win-zigen Nachkriegs-Gemeinden sind durch
den Zuzug russischer Immigranten groß geworden.. Doch die
Integration vieler mittelloser, der deutschen Gesellschaft wie der
jüdischen Religion oft gleichermaßen fremder Immigranten
ist eine schwierige Aufgabe. Gleichzeitig bewirkt die wachsende
Mitgliederzahl, dass Gemeinden sich nach verschiedenen Richtungen
jüdischer Glaubenspraxis auffächern. Das geht nicht ohne
Konflikte; vielbeachtet war jüngst der Streit zwischen dem
orthodox geprägten Zentralrat der Juden und der Union Progressiver
Juden um staatliches Fördergeld. In Köln führte der
Konflikt dazu, dass die liberale Gemeinde sich nicht in der großen
Synagoge trifft, sondern im Keller einer evangelischen Kirchengemeinde.
Dass Polizei in der Nähe wacht, wo immer in Deutschland sich
Juden zum Gebet versammeln, erinnert an die Gefahr, die ihnen noch
immer droht - sei es von glatzköpfigen deutschen Neonazis,
sei es von verhetzten jungen Arabern.
Die jüdische Gemeinde Köln, im Jahr 321 erstmals erwähnt,
ist die älteste in Deutschland. Doch im Mittelalter gab es
immer wieder Verfolgungen und blutige Pogrome; von 1424 bis 1798
wurden Juden in Köln überhaupt nicht geduldet. Erst die
Zeit der Aufklärung eröffnete den Juden in Deutschland
wieder Perspektiven in der Gesellschaft; 1801 wurde eine neue jüdische
Gemeinde in Köln gegründet. In den Zeiten der Bedrängnis
war es gut gewesen, sich strikten, jahrhundertealten Regeln anvertrauen
zu können. Nun aber wünschten sich viele Juden eine Religion,
die sich mehr an der neuen Zeit orientierte.
>> Teil
2
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